| 2010-04-01 |
| Albtraum Olympia: Bericht in Nürnberger Nachrichten |
Albtraum Olympia? |
| Wie die Wintersport-Vision mit der Realität kollidiert |
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OBERAMMERGAU - Albtraum oder Alpentraum? Im Februar 2018 sollen die
weltbesten Biathleten in Oberammergau um olympische Medaillen kämpfen,
wünscht sich die Münchner Bewerbungsgesellschaft. Doch dort regt sich
Widerstand. Die Spiele sollen gestoppt werden.
Wenn Korbinian Freier auf die sonnigen Wiesen unterhalb der
Oberammergauer Romanshöhe blickt, kann er über den absurden
Olympia-Gigantismus nur den Kopf schütteln. Ausgerechnet dort, wo der
Schnee zuerst wegtaut, wo heute noch Heustadl stehen und kein
Wintersport-Wahn die Landschaft ruiniert hat, sollen 2018 die
Langläufer und Biathleten auf 64 Hektar ihre Runden drehen. Obwohl die
Anlagen in Ruhpolding gerade für 16 Millionen Euro fit gemacht werden.
Gegner organisieren sich im Netzwerk »Nolympia 2018«
»Oberammergau steht für schöne Landschaft und unberührte Natur - und
jetzt wollen sie unsere Schokoladenseite verbauen«, klagt Freier. Zwei
Tribünen für insgesamt 37.000 Zuschauer sollen in dem
5000-Seelen-Örtchen hochgezogen werden, für 29 Millionen Euro würde
planiert, gebaggert, gebaut werden.
Oberammergau bedeutet
Freier viel. Seit über einem Jahr hat sich der Grünen-Kreissprecher
Haare und Bart nicht mehr geschnitten, weil er bei den berühmten
Passionsspielen den Apostel Philippus mimt. Mitspielen darf nur, wer in
Oberammergau geboren ist oder dort seit 20 Jahren lebt. Das
Holzschnitzerdorf ist kein Ort der radikalen Veränderungen.
Deshalb hat Freiers Mutter Christl auch im Gemeinderat dagegen
gestimmt, dass der Olympia-Tross im Dorf einfällt. Sie war die Einzige.
Hilfe erhält sie vom Grünen-Landtagsabgeordneten Ludwig Hartmann aus
München. Er hat den Widerstand im Netzwerk »Nolympia 2018« gebündelt.
Hartmann will, dass bestehende Anlagen genutzt werden. Die in
Ruhpolding etwa, eine Autostunde von München. Oder die neue Eishalle in
Inzell, 30 Millionen Euro teuer.
Kompakte Bewerbung erhöht Chancen
»Ruhpolding war nie ein Thema für uns«, sagt dagegen Jürgen Bühl von
der Bewerbungsgesellschaft. Eine kompakte Bewerbung erhöhe die Chancen
auf den Zuschlag. München für die Eissportarten, Garmisch-Partenkirchen
und das nahe Oberammergau für die alpinen und nordischen Wettbewerbe,
Schönau am Königssee für die Bob- und Rodel-Disziplinen.
»Mehr Orte widersprechen der olympischen Philosophie, möglichst viele
Menschen an einem Platz zusammenzubringen«, meint Bühl, obwohl es von
Ruhpolding und Inzell nicht weit zum Königssee ist. Dass es in
Oberammergau kaum Schnee gibt, stört ihn nicht: »Kunstschnee braucht
man im Wintersport sowieso immer, schon wegen der Chancengleichheit.«
Sorge um die Bergwelt
Axel Doering ist fassungslos, wenn er solche Sprüche hört. Der
Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz Garmisch-Partenkirchen lehnt
Olympische Spiele komplett ab. Sie würden den Ort ruinieren, glaubt
Doering. Er sorgt sich um den sensiblen Alpenraum und die Flächen, die
Medien- und Athletendörfer belegen sollen. Immerhin: Der bayerische
Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) will nun eine
Schiedsstelle einrichten, die zwischen Veranstaltern und Landwirten
vermittelt.
Die Bewerbungsgesellschaft wirbt mit
ökologischen, nachhaltigen Spielen und 18 Umwelt-Leitprojekten. Das
wichtigste davon ist schon gescheitert: ein Unesco-Biosphärenreservat.
»Die Menschen haben nicht mitgezogen«, erklärt Bühl. »Schuld war die
Arroganz der Organisatoren«, meint dagegen Doering. Der Bund
Naturschutz ist wie drei weitere Organisationen aus der
Umweltkommission der Bewerbungsgesellschaft ausgetreten. »Wir durften
nur abnicken, nicht mitgestalten«, klagt Doering.
Zustimmung überwiegt
Trotzdem: In Garmisch-Partenkirchen überwiegt die Zustimmung. »Sie
finden hier keinen Wirt, der dagegen ist«, glaubt Dieter Platte von der
Gaststätte »Zum Wildschütz«. »Eine granatenmäßige Wintersaison« habe er
erlebt, vor allem wegen des Zuschlags für die Ski-WM 2011 und wegen der
Olympia-Bewerbung. »Wir profitieren noch heute von Olympia 1936«, meint
sein Kollege Heimo Golaschewski vom Restaurant »Maronis«, obwohl die
Spiele damals im Schatten der Nazi-Herrschaft standen.
»Wir
haben den Anspruch, Deutschlands führender Wintersportort zu sein«,
proklamiert Tourismusdirektor Peter Ries. Er erwartet einen gewaltigen
Schub durch Olympia. »Der letzte Hotelneubau liegt 27 Jahre zurück«,
sagt Ries. Die Kapazitäten seien gesunken, Investitionen dringend
nötig. 60 Prozent der Umsätze erwirtschafte man zwar im Sommer,
trotzdem verstehe sich die Gemeinde immer noch als Wintersportort.
Kein Aufschwung in früheren Austragungsorten
»Unter den großen Skigebieten sind wir der Dackel, nicht der Windhund«,
meint dagegen Axel Doering. Zahlreiche Studien konnten in früheren
Austragungsorten keinen Aufschwung entdecken. »Aber das Zauberwort
,Olympia‘ vernebelt eben viele Köpfe«, stellt er fest. Dafür nehme man
auch die Knebelverträge und die Intransparenz des Internationalen
Olympischen Komitees (IOC) in Kauf.
Um Olympia zu verhindern,
will Doering notfalls einen Bürgerentscheid anstreben. In Oberammergau
hat man damit reichlich Erfahrung: Siebenmal bestimmten die Bürger
bereits mit, öfter als in jeder anderen Kommune Bayerns. Sogar über
eine neue Theater-Fassade entschieden sie selbst. Auch das Olympia-Aus
wäre möglich: Jeder Fünfte der betroffenen Grundstücksbesitzer will
seine Flächen nicht abtreten. Die Landwirte wollen offenbar die
Schokoladenseite des Ortes nicht der Bewerbungsgesellschaft zum Fraß
vorwerfen.
Martin Müller |
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31.3.2010
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NÜRNBERGER NACHRICHTEN
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